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Vom Nutzen der Traurigkeit

geschrieben am 15.11.2020
Warum Traurigkeit auch dafür sorgen kann, dass wir in kleineren oder größeren Krisensituationen Unterstützung erhalten.
Warum Traurigkeit auch dafür sorgen kann, dass wir in kleineren oder größeren Krisensituationen Unterstützung erhalten.

Ein trauriges Gesicht spricht für sich. Wir können buchstäblich aus ihm die Traurigkeit herauslesen. Die Mundwinkel bewegen sich nach unten. Die Brauen sind zusammengezogen und nach oben gewendet. In der Mitte der Stirn zeigen sich ein paar kleine Falten. Ein trauriges Gesicht signalisiert: "Ich habe etwas verloren. Ich brauche Trost." Erstaunlich, wie gut dieses soziale Signal in allen Kulturen verstanden wird: "Ich brauche Unterstützung dabei, einen Verlust zu verarbeiten."

Kaum ein Leben verläuft ohne Verlust - und Traurigkeit. Jeder verliert etwas im Laufe seines Lebens: Ihm nahestehende Menschen, Liebe, seine Gesundheit, ihm lieb gewonnene Dinge oder auch einen Lebenstraum. Traurigkeit hat viele Anlässe - doch die heilende Verarbeitung der Trauer folgt einer bestimmten Struktur. Es handelt sich um einen Zyklus, und er beginnt mit dem Verlust selbst. Trauernde verleugnen zunächst den Verlust und sind dann voller Zorn (z.B. über die, die es besser haben). Dann versuchen sie, mit dem Schicksal zu verhandeln - und treten schließlich in die Phase der Traurigkeit und Depression ein. Am Ende nehmen sie aktiv Abschied und verarbeiten damit den Verlust.

Depressive Menschen indes sind quasi in diesem Trauerzyklus steckengeblieben (keine Sorge, Depressionen lassen sich in sehr vielen Fällen mit einer psychologischen Psychotherapie gut behandeln). Die Trauer kann sich auf einen Verlust an Wertschätzung oder Anerkennung beziehen, genau wie auf eine entgangene Beförderung, oder einen liebgewordenen Menschen. Für depressive Menschen ist eine mehr oder minder offensichtliche Traurigkeit oftmals ein ständiger Begleiter. Sie ziehen sich zurück und fühlen sich antriebsschwach. Sie finden aus dem Labyrinth von negativen Gedanken nicht mehr heraus und lassen sich durch kaum etwas ablenken. Eine Daumenregel für die Unterscheidung: Die unbehandelte Depression verheilt selten von allein. Dagegen geht Traurigkeit vorbei, und sie lässt Menschen während des Trauerprozesses wachsen. Vor allem dann, wenn andere auf ihr trauriges Gesicht aufmerksam werden und helfen, über den Verlust hinwegzukommen. 

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